Aufbruch in Murchison Falls. Unsere nächste Station ist Fort Portal, 350 Kilometer weiter im Süden und jeder brechen wir in aller Herrgottsfrühe auf, nämlich gegen sieben Uhr. Warum so zeitig, werde ich erst im Laufe des Tages verstehen, denn eigentlich ist heute kein weiterer Programmpunkt geplant und die Distanz erscheint mir nicht soooo weit. Schon nach wenigen Kilometern wird aber deutlich, warum Noel so viel Zeit eingeplant hat. Unsere gesamte Strecke führt, bis auf insgesamt vielleicht 30 Kilometer, über reine Sandpisten, auf der auch noch alle paar Meter gebaut wird, denn irgendwann soll hier eine ausgebaute Schnellstraße den Norden mit dem Süden verbinden. Schnell von A nach B, also komplette Fehlanzeige, stattdessen immer wieder kurzfristig Fenster zuschieben bzw. hochkurbeln, wenn uns ein größeres Fahrzeug entgegenkommt, um zu verhindern, dass der gemeine rote feine Staub sich im ganzen Auto ausbreitet.

Auch wenn es ermüdend ist und wir alle kräftig durchgeschüttelt werden, diese Fahrt hat auch ihr Gutes, denn wir sehen viel von Land und Leuten. Erst säumt Maniok (oder auch Kasava), geschält, in Scheiben geschnitten und auf einer Plane zum Trocknen ausgelegt, die Straßen, dazu Planen mit trocknenden Bohnen oder Kaffee und immer wieder kleine Märkte, zahllose Ziegen und winkende schwarze Kinder.
Später wird es hügeliger, in der Ferne sind Berge zu sehen. Die Vegetation verändert sich. Kaum noch Kasava, dafür große Teefelder, Bananenplantagen und Eukalyptuswälder. Und immer noch sind die Straßen bevölkert von Menschen, die mit Motorrädern, Fahrrädern und zu Fuß alles mögliche ins nächstgelegene Dorf auf den Markt, zur Mühle oder nach Hause tragen. Auf dieser Fahrt wird mir mal wieder deutlich, wie anstrengend und hart Alltag sein kann. Fliessend Wasser im Haus gibt es nicht, sondern wird viele hundert Meter weit in gelben Kanistern von der örtlichen Wasserstelle nach Hause transportiert. Elektrizität haben einige wenige Geschäfte, die Privathäuser und Lehmhütten, in einen meistens eine ganze Familie in einem Raum lebt, natürlich nicht. Gekocht wird auf Holzkohle und eingesammeltem Holz, abends ist es bis auf etwas Feuerschein stockdunkel.
Mich machen diese kleinen „Einblicke“ nachdenklich. Ist dieses Leben ärmlich oder ist „nur“ einfach? Ich weiss, dass ich so nicht leben will und mit meiner Sozialisation auch nicht leben kann. Es macht mir aber auch so deutlich, was für uns alles selbstverständlich ist. Mir nötigt dieses einfache Leben extrem viel Respekt ab, auch, weil diese Menschen hier keinen gequälten Eindruck machen. Sicher können sie sich alle auch ein Leben vorstellen, in dem es den täglichen Kampf nicht gibt, in dem man mit seinem klimatisierten Auto ins Büro fährt, Eiswürfel aus dem Kühlschrank nimmt oder die Heizung anstellt, aber wären sie damit wirklich glücklicher? Sind WIR glücklicher??? Keine Ahnung! Das einzige, wo ich mir sicher bin, ist, dass es diese Völker – und das gilt sicher nicht nur für Uganda – verdient haben, ernstgenommen zu werden. Ich würde mir für die Menschen hier vor allem wünschen, dass sie die Bildung bekommen, die ihnen die Kraft und die Werkzeuge an die Hand gibt, ihre Belange selbst zu bestimmen und sich nicht von Investoren oder Politikern, woher auch immer, übertölpeln zu lassen oder sich in Abhängigkeiten zu begeben.


All diese Gedanken haben mich auf der langen Fahrt beschäftigt, aus denen ich auf wunderbare Weise auf den letzten Kilometern vor Ankunft herausgerissen werde. Denn das letzte Stück führt quer durch eine Vulkanlandschaft, vorbei an Kraterseen, alles mit dichtem grün umgeben.

In dieser Idylle liegt die Papaya Lake Lodge, ein kleines, diesmal wirklich luxuriöses Hide-away. Eigentümer sind, soviel weiss ich inzwischen ein polnischer Designer und seine Innenarchitektin-Frau. Hauptwohnsitz soll in Südafrika sein.
Jedes Zimmer ist ein eigenes kleines Haus, direkt über dem See gelegen. Im Haupthaus – wir sind die einzigen Gäste – wird gegessen oder vor dem großen Kamin herumgelümmelt. Alles extrem geschmackvoll und zur Umgebung passend eingerichtet. Zugegeben – hier könnten wir auch ein Woche „chillen“.


Geht aber nicht – denn morgen früh geht‘s zum Schimpansen-Tracking!