Wir verlassen die Otago Peninsula und es ist deutlich milder als erwartet. In der Nacht hatte es kräftig geregnet, und auch jetzt ist es noch diesig. Wir wollen weiter in den Süden, in die Catlins. Unser Ziel ist Curio Bay, eine Landzunge zwischen zwei besonders schönen Buchten. Je weiter wir in den Süden kommen, desto weniger Campingautos kommen uns entgegen, die Straßen werden leerer, die Dörfer kleiner und vor allem seltener. Diese Region ist wirklich dünn besiedelt, jedenfalls von Menschen. Schafe gibt es dafür reichlich, ebenso wie Rinder.
Wir lassen uns Zeit auf der Fahrt. Wie während unserer gesamten bisherigen Reise, ist auch heute wieder der Weg das Ziel.


Unseren ersten längeren Zwischenstopp machen wir am Kaka Point, einem breiten langen Sandstrand. Es ist immer noch sonnig, aber windig. Wir unternehmen einen kurzen Spaziergang und sind mal wieder beeindruckt von der Einsamkeit dieser Landschaft. Ein solcher Strand, wo auch immer in Europa und er wäre voll. Es müsste ausgewiesene Parkplätze geben um dem Chaos Herr zu werden. Es gäbe Fischbuden und Eisstände, kurz – eine umfangreiche Infrastruktur. Hier gibt es eine kleine sandige Bucht entlang der Strasse, wo man parken darf und ein Hinweisschild auf ein Cafè einen Kilometer links die Strasse entlang. Außer uns stehen in der Parkbucht gerade mal noch zwei andere Autos.


Unser nächstes Ziel können wir vom Strand bereits sehen. Wir wollen zum Nugget Point. Auf diesem Kap steht schon lange ein kleiner alter Leuchtturm, den man über einen schmalen Weg erreicht.



Am Fuß des felsigen Landvorsprungs liegen reihenweise Seelöwen gemütlich in der Sonne und einmal mehr bin ich überrascht von den Kletterkünsten dieser an Land doch so plump wirkenden Tiere. An einer Stelle gibt eine Art Rutsche, die vom Felsen ins Meer führt und ich habe das Glück ein Jungtier dabei beobachten zu können, wie es den Weg ins Wasser mehr rutschend als laufend bewältigt. Auch Pinguine soll es hier geben, die sehen wir allerdings nicht.
Dem Kap vorgelagert liegen mehrere große Felsen im Meer, ihnen verdankt der „Nugget Point“ seinen Namen. Dieser Ort ist keine spektakuläre Sehenswürdigkeit, aber die Atmosphäre, die dieser Ort versprüht, hat etwas Magisches, auch für Nicht-Esotheriker.
Gleiches gilt, so lesen wir, auch für die Cathedral Caves, die noch auf unserem Besuchsprogramm stehen. Bis dorthin sind es aber noch einige Kilometer und vorher wollen wir unbedingt noch an einen Strand, der in einem unserer Führer als der vielleicht „schönste Strand der Catlins“ angepriesen wird. Knapp 10 Kilometer fahren wir über eine schmale Schotterstraße und hoffen darauf, dass es keinen Gegenverkehr gibt. Unsere Wünsche werden erhört und wir können bis an eine kleine Parkbucht am Strand durchfahren, aufgehalten werden wir lediglich einmal von einem kleinen Lamm mit großem Entdeckerdrang. Auf der ganzen Strecke sehen wir ein einziges Mal ein Schild, das auf eine Farm hindeutet, aber wir sehen keinen Menschen, kein Haus und auch ansonsten keine Hinweise auf jegliche Zivilisation, wenn man mal von den langen Zäunen rund um die Schaf- und Rinderweiden absieht. Erst direkt an der Bucht stehen drei verlassene heruntergekommene Hütten und ein abgewrackter Wohnwagen auf einem Grundstück, das schon lange kein Mensch mehr betreten hat. Irgendwie gruselig. Wenn ich Horrorgeschichten verfilmen müsste, diese Häuser am südlichsten Ende der Welt wären ein grandioser Schauplatz für eine sehr blutige und düstere Geschichte.


Und so bin ich richtig froh, dass wir am Strand, der auch noch „Cannibal Bay“ heißt, nicht ganz alleine sind. Als erstes kommt uns ein Franzose mit einem Kochtopf in der Hand entgegen, er hat sich sein Muschelabendessen an den Felsen zusammengesucht. Außerdem toben zwei kleine Kinder mit ihren Eltern am Strand herum und trauen sich sogar bis zum Knie in die kalten Fluten und in der Ferne geht ein Touristenpaar spazieren. Der Reiseführer hat nicht übertrieben! Dieser Strand ist wirklich unglaublich schön. Auf beiden Seiten eingerahmt von Felsen liegt ein breiter weiter Sandstrand vor uns. An der einen Seite der Bucht kraxeln wir über zerklüftete Felsen bis dicht an die Brandung und geniessen den Blick auf die Küste.


Am Zugang zum Strand hatte uns ein Schild darauf aufmerksam gemacht, dass hier mit Seelöwen zu rechen sei und wie man sich verhalten sollte. Von 5-10 Metern Abstand ist dort die Rede, ausserdem solle man die Tiere nicht stören und nicht provozieren. Ich schau mich um und realisiere, dass das, was ich für zwei große Steine auf dem Strand gehalten habe, Seelöwen sind. Wir nähern uns den Tieren langsam, die schlafend auf dem Strand liegen und sich von uns nicht stören lassen. Auch als wir um sie herumgehen, Fotos machen und uns unterhalten, gibt es kaum eine Reaktion. Einer der beiden hebt lediglich mal kurz die Flosse, als wolle er uns lässig grüßen. Christoph hält zwar den Sicherheitsabstand ein, traut sich aber doch recht dicht an die Tiere heran. Ich bleib gerne ein bißchen auf Abstand.
Als wir zurückgehen zum Auto entdecke ich Spuren im Sand, die aussehen wie ein kleiner Trecker. Ich zeige sie Christoph und gemeinsam folgen wir der Spur, bis wir einen jungen Seelöwen in den Dünen finden, der es sich dort gemütlich gemacht hat.
Inzwischen ist es später geworden, als wir eigentlich vor hatten und so entschliessen wir uns heute nicht mehr bis zur Curio Bay zu fahren, sondern einen Platz in der Nähe aufzusuchen.
Nur wenige Buchten weiter ist ein Stellplatz des Departments of Conservation. Diese staatlichen DOC-Plätze sind sehr einfach in der Ausstattung, aber meistens sehr schön gelegen. Dieser ist an der Purakaunui Bay und von anderen Campern gut bewertet. Also 10 Kilometer zurück über den Kiesweg, ein paar Kilometer über die Landstraße und dann auf die nächste Schotterstraße bis zu einem Platz der uns beinahe die Sprache verschlägt.


Vor uns liegt eine kleine Bucht. Auf der Wiese, die den Strand säumt, stehen schon ein paar Camper, sonst gibt es nichts, ausser einem Toilettenhäuschen und einem Trinkwasserhahn. Mehr braucht man aber auch nicht, denn hier ist es einfach so schön, dass es sogar egal ist, dass es inzwischen richtig kühl und grau geworden ist. Wir wissen jetzt schon, dass wir morgen mit dem unverstellten Blick auf dieses Fleckchen Erde aufwachen werden. Mehr geht einfach nicht!!!